Folge 8 | Wenn wir von Wahrheit sprechen, denken wir fast automatisch an die bittere oder harte Variante. Das ist kein Zufall. Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, Gefahren stärker wahrzunehmen als Positives. Die Amygdala, der Wachhund in unserem Kopf, reagiert blitzschnell auf negative Reize und schlägt Alarm. Gute Nachrichten gibt es zwar reichlich – sie brauchen jedoch deutlich stärkere Scheinwerfer, um gesehen zu werden.
Dieser Blog beschäftigt sich mit Konflikten. Und da führt kein Weg an einem zentralen Punkt vorbei: Bleiben Sie bei der Wahrheit. Menschen besitzen feine Antennen für aufgesetzte Freundlichkeit und inhaltsleere Aussagen. Aktuelle Forschungen, unter anderem eine Studie der Universität Bern, zeigen: Selbst von KI geführte Gespräche zu heiklen Themen werden nur dann als hilfreich erlebt, wenn sie ehrlich und freundlich, klar und authentisch sind. In Zeiten von Fake News und politischer Manipulation verstärkt alles Unechte vor allem eines – Verunsicherung.
Selektierte Fakten – unsere gefilterte Wahrheit
Keine Frage: Gerade im beruflichen Kontext ist die wechselseitige Abhängigkeit oft so groß, dass wir uns schwertun, offen Kritik zu äußern. Genau deshalb lohnt es sich, den Blick auf die eigene Wahrnehmung zu richten. Denn das, was wir für Wahrheit halten, ist zunächst unsere persönliche Sicht. Wir alle wählen unbewusst jene Fakten aus, die sie bestätigen. Die Kognitionsforschung nennt dieses Phänomen „Confirmation Bias“. Wer sich dessen bewusst ist, kann die eigene Wahrheit anders formulieren: weniger absolut, dafür persönlicher und klärungsorientiert.
„Wahrheit vor Schönheit“, sage ich oft, wenn ich zu Beginn eines Konfliktgesprächs gefragt werde, wie man mit schwierigen Themen umgehen soll. Besser, die eigene Sicht offen auf den Tisch zu legen, als sie darunter verschwinden zu lassen – wo sie später im Verborgenen Zusammenarbeit und Vertrauen untergräbt.
Die Kunst der stimmigen Kommunikation
Der Satz „Wahrheit vor Schönheit“ begleitet mich wie ein Credo seit meiner Ausbildung zur Klärungshelferin. Meinen Lehrer Christoph Thomann habe ich gefragt, wie es zu dieser griffigen Formel kam. Er verweist auf Friedemann Schulz von Thun als ihren Urheber.

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Schulz von Thun, den Thomann gern als den „Papst der Kommunikationspsychologie“ bezeichnet, betont in seiner Stimmigkeitslehre, dass Offenheit nicht mit rücksichtsloser Direktheit zu verwechseln ist. Entscheidend ist, situationsangemessen und authentisch zu sprechen – also in Übereinstimmung mit sich selbst. Wohlklingende, aber unechte Formulierungen nennt er treffend „Friedhöflichkeit“. Damit sind wir bei der eigentlichen Kunst des Miteinander-Redens. Und auch hier bleibe ich bei meinem Leitgedanken: Nicht schönreden. Nicht verstecken. Wahrheit vor Schönheit.
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